Was bedeutet eigentlich „Digitalisierung in der Produktion“ – gerade für Lichtwerber?

Man denkt dabei sofort an menschenleere, vollautomatisierte Hightech-Fabriken. Aber in der Realität geht es oft um etwas ganz anderes. Da geht es darum, analoge Abläufe durch digitale Hilfsmittel zu ersetzen oder zu ergänzen. Und dadurch schneller und effizienter arbeiten zu können, die Abläufe transparenter und planbarer zu machen.
Statt Aufträge auf Papier durch die Werkstatt zu tragen, werden sie direkt am Bildschirm angezeigt. Maschinen bekommen ihre Daten automatisch, Lagerbestände werden digital verwaltet. Man kann besser kalkulieren, weil man weiß, wie lange welche Arbeit dauert.

Gerade für KMU, den kleinen und mittleren Unternehmen, steckt in der Digitalisierung großes Potenzial. Aber es gibt auch viele Hürden, von der Software, hin zu Schnittstellen, Kosten und fehlende Standards. Das macht die Umstellung nicht leicht.

Deshalb haben wir mit LWD-Vorstand und Berater Thomas Berens https://signnvgtr.com  gesprochen. Er weiß, worauf es ankommt, denn er hat den Digitalisierungsprozess im eigenen Unternehmen erfolgreich durchgeführt und mehrere Firmen durch den Prozess begleitet.

 

Interview mit Thomas Berens zur Digitalisierung in der Produktion (für Lichtwerber)

1. Ist-Zustand der Branche

  • Wie digital sind typische Produktionsprozesse in der Lichtwerbung heute aus Ihrer Sicht?


Die Lichtwerber haben in den letzten Jahren durchaus Möglichkeiten digitaler Produktion verstärkt eingesetzt. Jedoch sind es überwiegend punktuelle Einsätze wie z.B. das CNC-Fräsen, weniger ein durchgehender Prozess, der das gesamte Projekt vom Angebot bis zur Montage abbildet. Das hat aber auch mit den Projekten und auch der Art Lichtwerbung zu tun. Lichtwerbung ist zum Großteil eine individuelle Fertigung, weniger Serienfertigung. Da ist das Abbilden und die Steuerung des gesamten Prozesses in digitaler Form schon eine Herausforderung für viele Betriebe, aber auch die Sinnhaftigkeit.

Die geringe Digitalisierung der Branche hat sicherlich auch mit der Struktur der Betriebe zu tun. Hier ist in den letzten Jahren eine verstärkte Entwicklung zu sehen, dass viele Betriebe ihre eigene Fertigung auch auf Grund von Fachpersonalmangel reduzieren oder ganz outsourcen und nicht die Notwendigkeit zur Einführung eines digitalen Workflows sehen.

  • Was sind die häufigsten analogen Abläufe, wo wird noch mit Papier gearbeitet?


Eindeutig die Auftragstasche mit Zeichnungen bzw. Korrekturabzug und eine Magnettafel als Terminplaner. Von den Bauantragsunterlagen (bitte 3-fach) möchte ich hier erst gar nicht reden…

2. Warum sollte ein Betrieb digital werden?

  • Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Gründe, warum Lichtwerber digitalisieren wollen oder sollten?


Die Digitalisierung eines Betriebes darf nicht zur Glaubensfrage werden. Es gibt Unternehmensgrößen, die sich durchaus analog erfolgreich steuern lassen. Aber wenn ich als Unternehmer das Gefühl habe, dass mich meine Projekte überholen und ich den Überblick verliere, dann habe ich leider den Zeitpunkt verpasst, meinen gesamten Produktionsprozess auf digital umzustellen.

Die Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein, sondern sollte mich bei der Entwicklung und Führung des Unternehmens unterstützen, die Kommunikation intern mit den Mitarbeitern, aber auch besonders extern mit den Kunden verbessern.

  • Gibt es bestimmte Bereiche, in denen sich Digitalisierung besonders schnell bezahlt macht? (z. B. Zuschnitt, Lager, Auftragsverfolgung?)


Da bin ich ehrlich: Erstmal wird’s schlechter! Denn das Projekt Digitalisierung ist nicht mit dem Kauf einer Software erledigt, sondern Sie machen sich auf den Weg und binden personelle Kapazitäten. Und das kann durchaus mehrere Monate oder darüber hinaus dauern – je nach Betriebsgröße und dem Ziel, das Sie erreichen möchte. Wenn dann aber die ersten Hürden mit der Einführung genommen und die Verbesserungen bei den Abläufen von den Mitarbeitern (Thema: Mitarbeiterbindung durch moderne Arbeitswelt) und Kunden positiv bemerkt werden, dann wird sich das auch in puncto Effektivität und letztlich höherem Ertrag auszahlen.

3. Schnittstelle Warenwirtschaft: Wie wichtig sind folgende Punkte:

  •  dass die digitale Produktion auch schon in der Artikel-Stammdaten-Verwaltung vorgesehen ist
  •  dass Stücklisten pro Produktionsprozess schriftlich hinterlegt werden können
  • die Verzahnung der Produktionsplanung mit den digitalen Stücklisten aus den Artikelstammdaten
  • die Verzahnung des Produktionsprozesses mit der Warenwirtschaft


Im Kern der Sache sind alle Punkte wichtig, um langfristig eine funktionierende Digitalisierung zu haben. Aber es ist zu berücksichtigen, dass die Lichtwerbung überwiegend eine individuelle Fertigung ist. Hier ist es sehr aufwendig, sämtliche Stücklisten, die ich für eine aussagekräftige Nachkalkulation ja benötige, zu erstellen, wenn ich nur die Auflage 1 produziere. Gerade zu Beginn der Einführung des digitalen Workflows empfehle ich hier den Mut zur Lücke und die Nachkalkulation auf einige wenige aussagekräftige Projekte zu begrenzen.

4. Herausforderungen & Hürden

  • Wo hakt es in der Praxis am meisten? Ist es eher die Auswahl der Software, die Integration der Maschinen oder das Personal?


Die Auswahl der Software hat natürlich den größten Einfluss auf den Erfolg oder eben den Misserfolg bei der Einführung eines digitalen Steuerungssystems. Neben der Software ist aber auch das Personal ein wichtiger Punkt, denn es sind ja die Mitarbeiter, die mit der Software arbeiten sollen. Es ist daher wichtig, die Begeisterung des Unternehmers für eine Digitalisierung auch auf die Mitarbeiter in diesem Prozess zu übertragen. Und idealerweise gibt es dann einen Mitarbeiter, der auch Ansprechpartner für das Softwareunternehmen während der Entwicklung, Umsetzung und Pflege des Systems ist.

Die Maschinen- und Hardwareseite sowie ein funktionierendes Netzwerk spielen eher eine untergeordnete Rolle, sind natürlich von der Kostenseite nicht zu vernachlässigen.

  • Spielen Investitionskosten eine große Rolle bei der Entscheidung? Muss es immer die teure Software sein?


Die Kosten für Soft- und Hardware sind ein wichtiger Faktor bei der Entscheidung, ein funktionierendes ERP-System (Enterprise Resource Planning) im Unternehmen zu installieren.

Aber es ist nicht nur die monetäre Investition, die hier ansteht, sondern auch die Zeit, die der Unternehmer und eine den Prozess begleitende Person hier investieren muss. Und davon sehr viel. Deshalb ist es besonders wichtig, einen Fahrplan vor der Einrichtung eines ERP-Systems zu erstellen, in dem auch die Ziele beziehungsweise die Zwischenziele definiert werden.

Habe ich so einen Fahrplan erstellt, kann ich relativ einfach entscheiden, ob ich meine gesetzten Ziele mit einer Standardsoftware erreichen kann oder ob ich eine individuelle Programmierung in einer Basissoftware nutzen sollte.

Für mich ist bei einer Entscheidung wichtig, ob ich mit einer Standardsoftware meine Produktionsläufe weitestgehend darstellen kann. Hier rate ich von zu vielen Kompromissen ab, da diese sowohl die Einführung aber auch die Nutzung des ERP-System durch die Mitarbeiter erschwert.

Langfristig kann die, am Anfang vermeintlich teurere Variante einer individuellen Programmierung, dann doch günstiger sein, wenn alle Produktionsschritte in meinem Unternehmen 1 zu 1 abgebildet sind. Die Mitarbeiter finden sich in dem ERP-System leichter wieder, was gerade zu Beginn der Einführung hilfreich ist. Wenn dann auch noch die Möglichkeit besteht, auf Verbesserungsvorschläge der Mitarbeiter einzugehen und diese umzusetzen, erhöht das die Akzeptanz des neuen Steuerungssystems enorm.

Und ein nicht zu vernachlässigender Aspekt sind, bei einer positiven Unternehmensentwicklung, – und das wollen wir ja mit der Digitalisierung erreichen – die bestehenden Anpassungs- und Erweiterungsmöglichkeiten.

5. Empfehlungen

  • Welche kleinen Schritte können Betriebe gehen, um erste digitale Prozesse einzuführen, ohne gleich alles umzustellen? Ist das überhaupt sinnvoll?


Der erste Schritt in die Digitalisierung und die Einführung eines ERP-Systems sollte das Erstellen eines Fahrplans sein und sich Klarheit darüber zu verschaffen, was mit der Digitalisierung für mein Unternehmen, für die Mitarbeiter und für meine Kunden erreicht werden soll.

Wenn das erledigt ist, habe ich eine gute Grundlage, um mich mit den Angeboten der entsprechenden Software-Anbieter auseinanderzusetzen. Achten Sie an dieser Stelle darauf, dass der Anbieter eine Unternehmensanalyse in seinem Angebot hat. Nur so können Sie sicher sein, dass die Software auf ihre individuellen Bedürfnisse abgestimmt ist und sich für den Einsatzzweck eignet.

Haben Sie eine Wahl getroffen und sind sich sicher, dass die Software alle von Ihnen benötigten Features (auch zukünftig benötigte) enthält, kann das ERP-System installiert werden. Auch hier gilt zu Beginn: Weniger ist mehr!

Beginnen Sie mit den wichtigsten Schnittstellen, für die externe und interne Rückmeldungen und Kommunikation unerlässlich sind:

  • Kalkulation
  • Arbeitsvorbereitung
  • Fertigstellung

Wenn Sie diese erste Hürde gemeistert haben und die Prozesse laufen, denken Sie über die nächsten Schritte und Abteilungen nach. Nehmen Sie ihre Mitarbeiter mit, machen Sie sie neugierig und greifen Sie Anregungen von ihnen auf. Dann wird’s eine runde Sache, von der langfristig alle profitieren.

6. Ein Blick in die Glaskugel

  • Wo sehen Sie die Branche in fünf Jahren – eher digital oder eher vorsichtig?
  • Welche Technologien (z. B. IoT, KI, Cloud-basierte Systeme) könnten Ihrer Meinung nach den größten Einfluss haben?


Die Branche wird sich der Digitalisierung nicht entziehen können. Auch wenn überwiegend individuelle Produkte hergestellt werden und das eine Herausforderung für eine Einführung eines ERP-Systems bedeutet. Für den einen Betrieb mehr, für den anderen weniger.

Für alle größeren Unternehmen in Deutschland, die Lichtwerbung herstellen – sei es für die eigenen Kunden oder diejenigen, die als Zulieferer am Markt agieren, ist es ein Muss, um langfristig am Markt zu bestehen. Denn mit einem ausgereiften ERP-System kann nicht nur die interne Produktion gesteuert, überwacht und verbessert werden. Es bietet auch Möglichkeiten, mit dem Kunden oder dem Wiederverkäufer zu interagieren, um Entscheidungs- und Genehmigungsprozesse zu vereinfachen und zu beschleunigen.

Sicher wird hauptsächlich die KI in den nächsten Monaten und Jahren eine Rolle spielen, um Prozesse zu verbessern und zu automatisieren. Bis aber die ersten Roboter einen LED-Schriftzug mit Unterkonstruktion herstellen und montieren bleibt Lichtwerbung immer noch ein spannendes Handwerk!

 

 

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